Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

17. August 2022

Zwei hochaktuelle Debatten um politische Korrektheit prägen zurzeit unseren Wortschatz: zum einen unsere gendersensible Sprachwahl, zum anderen die Diskussion über Rassismus, rassistische Wörter und Bemerkungen.
 
Zum ersten Mal tauchte der Begriff „Political Correctness“ in den 1980er-Jahren in amerikanischen Universitäten auf. Als Gegenentwurf zur Verrohung. Die erste offensive Diskussion um das N-Wort gab es in Deutschland schon 2009. Eine Ursache dafür, warum Rassismus unsere Sprache prägt, ist auch die fehlende Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit. Darum ist uns nicht immer bewusst, ob und dass wir uns eines fremdenfeindlichen Stereotyps bedienen.
Um in einer diskriminierungsfreien Gesellschaft zu leben, müssen wir uns jedoch vermehrt mit dem Thema auseinandersetzen und sollten Interesse daran haben, angemessene Sprechweisen zu favorisieren. Mit einigen Klicks können sich heute alle über eine korrekte Ausdrucksweise informieren. Unzählige Webseiten listen rassistische Wörter auf und bieten Unterstützung für korrekte Alternativen an. Da wir ständig dazulernen, können wir auch unseren Sprachgebrauch anpassen.
 
Die Frage nach der Herkunft einer Person ist aus dem Smalltalk-Kanon herausgenommen worden. Sie sollte erst gestellt werden, wenn die Person besser bekannt ist und/oder der Mensch von sich aus etwas über die Familie erzählt, sonst kann es sein, dass der Unterschied zwischen den beiden Personen zu sehr hervorgehoben wird.
 
Rassistische Ausdrücke aus dem deutschen Sprachgebrauch
Begriffe, die durch die Kolonialisierung geprägt sind, entstanden zwar nicht in dieser Zeit, sind währenddessen aber so abwertend umgedeutet und verwendet worden, dass sie nicht benutzt werden sollten. Hier die wichtigsten kolonial-rassistischen Erbstücke der deutschen Sprache (und die des Vokabulars aus dem NS-Regim) sowie alternative Wörter, denen diese herabwürdigenden Bedeutungsanteile fehlen. Wichtig ist, dass wir politische Selbstbezeichnungen respektieren.
 
Farbige, farbig, dunkelhäutig, Mulatt*in, Mischling – Die Termini „Schwarze“ und „weiße“ Menschen beschreiben nicht die Hautfarbe, sondern sind politische Begriffe, die ausdrücken, ob eine Person von rassistischer Diskriminierung betroffen ist oder nicht. Selbstbezeichnung der Betroffenen: People of Color (PoC), Menschen of Color/Person of Color, Afrodeutsche*r.  „Biodeutsche*r“: einst scherzhaft-provokante Bezeichnung für Menschen ohne Migrationshintergrund wird nun von People of Color auch ernsthaft verwendet.
 
N-Wort/M-Wort – sind Begriffe, die Menschen schwarzer Hautfarbe beleidigen. Stattdessen: Schwarze*r Deutsche*r, Afroamerikaner*in oder Afrikaner*in, bzw. konkrete Benennung des Herkunftslandes.
 
Rasse – biologisch unterschiedliche „Menschenrassen“ aufgrund von äußeren Merkmalen gibt es nicht. „Rassen gibt es nur bei Haustieren“, so Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut Leipzig. Alternativ: Ethnie.
 
Zigeuner – die korrekte Bezeichnung lautet: Roma (so die Selbstbeschreibung) Männlicher Singular: Rom (Plural: Roma), weiblicher Singular: Romni (Plural: Romnja). Sinti/ Sintiza/Sinto/ Sintize sind die Nachfahren der Romagruppen.
 
Indianer – zusammenfassend: First American/Erstbewohner Amerikas, indigene Personen oder konkrete Bezeichnungen wie z. B. Tonkawa, Inkas.
„Squaw“ wird übrigens als Schimpfwort für eine indianische Frau verstanden. 
 
Weiterlesen bei www.oegg.deÖffentlichkeit gegen Gewalt e.V
 
Viele Vorurteile gegen andere Nationen finden sich in unserer Sprache wieder, die oft unbedacht verwendet wird. Daher sind auch Redewendungen wie „Rechnungen türken“ oder „herumzigeunern“ absolut unangebracht.
 
Wir werden nicht sprachlos, nur weil wir rassistische Begriffe aufgeben. Es ist so, wie mit jeder anderen Umgangsform auch: „Behandele Menschen, wie sie behandelt werden möchten!“ Alle haben einen Anspruch darauf, als Person geachtet zu werden. Eine Beleidigung ist dann eine, wenn sie als solche wahrgenommen wird – unser Gegenüber sie also als solche empfindet und sich diskriminiert fühlt.

Redaktion: Susanne Helbach-Grosser, TAKT & STIL, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

Vielen Dank an meine Kollegin Susanne Helbach-Grosser, die für unser Netzwerk Etikette Trainer International diesen Beitrag geschrieben hat.

Wer sich gerne weiter mit dem Thema auseinandersetzten möchte, und das empfehle ich von Herzen, wird im Buch von Alice Hasters viele Antworten finden auf Fragen, die man sich bisher so vielleicht noch gar nie gestellt hat. Lesen Sie Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. Die Autorin beschreibt eindrücklich, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt.

Abstand ist der neue Anstand

18. Juni 2022

Nach mehr als zwei Jahren Pandemie ist es nicht mehr selbstverständlich, sich zur Begrüßung die Hand zu geben. Den Impuls dazu spüren wir aber immer noch. Manche sehnen den Handschlag regelrecht zurück – und praktizieren ihn schon wieder regelmäßig. Deshalb befinden wir uns momentan oft in einem Dilemma. In unserem Kulturkreis ist es üblich, einer anderen Person zur Begrüßung die Hand zu reichen. Bedingt durch die Pandemie gilt es heute allerdings eher als höflich, erst einmal abzuwarten und zu schauen, ob das Hand geben auch dem Bedürfnis unseres Gegenübers entspricht. Das verunsichert viele.

Zu Beginn der Pandemie haben wir krampfhaft nach anderen Begrüßungsformen gesucht. Vom „Ellenbogen-Check“ über den „Fist-Bump“ und die Begrüßung von Fuß zu Fuß bis zu „Namasté“ war alles dabei. Der Mensch braucht offenbar entsprechende Rituale. Sich die Hand geben signalisiert eben auch: Wir kommen in friedlicher Absicht. Der Handschlag hat in unserer Kultur einen großen Stellenwert. Er ist mehr als nur Begrüßung. Der Handschlag gibt uns Sicherheit, er signalisiert Offenheit und er lässt uns die Verfassung unseres Gegenübers im wahrsten Sinne des Wortes „fühlen“. Der Kontakt über die Faust oder den Ellenbogen ist hingegen ein hartes, knochiges Erlebnis.  

Jetzt kommt aber zum Bedürfnis nach Sicherheit im sozialen Umgang auch das Bedürfnis nach Gesundheit hinzu. Wir müssen abwägen, was uns wichtiger ist. Mit Erstaunen sehen wir, wer sich schon wieder mit Handschlag oder sogar mit Küsschen auf die Wangen begrüßt. Viele zucken dabei zusammen: Zu viel Nähe, zu viel Risiko! Die Infektionszahlen bestätigen das leider immer noch. 

Was sollten wir im Umgang miteinander berücksichtigen? 
Nicht gleich von null auf 100. Im Kaufhaus-Fahrstuhl oder an der Supermarktkasse ruhig nochmals darauf aufmerksam machen, wenn der Abstand zu eng ist – das ist kein Spielverderben! Selbstverständlich können wir immer noch um mehr Abstand bitten, wenn wir uns eingeengt fühlen – ohne gleich als sozial auffällig zu gelten. „Ich fühle mich mit mehr als 3 Personen im Fahrstuhl nicht wohl – ich nehme lieber den nächsten …“, „Entschuldigung, aber ich möchte gern noch vorsichtig sein,“ „Es wäre nett, wenn Sie einen etwas größeren Abstand einhalten würden.“

Falls wir uns unwohl fühlen, dürfen wir das sagen
Unter Freunden, Bekannten oder im beruflichen Team ist eine Absprache leicht, z. B. „Ich bin noch nicht so weit, die Hand zu geben, lass uns damit bitte noch warten.“ Was aber, wenn die Chefin oder der Kunde die Hand zur Begrüßung ausstrecken? Hier ist Sensibilität gefragt: „Wollen wir uns schon wieder die Hand zur Begrüßung geben?“ Hier wird eine ehrliche Antwort erwartet, denn die Höflichkeit ordnet sich selbstverständlich der Gesundheit unter. Wenn jemand noch nicht so weit ist, sollte das in diesen Zeiten nicht als Unhöflichkeit betrachtet werden, denn Abstand ist der neue Anstand! 

Redaktion: Susanne Helbach-Grosser, TAKT & STIL, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

Vielen Dank an meine Kollegin Susanne Helbach-Grosser, die für unser Netzwerk Etikette Trainer International diesen Beitrag geschrieben hat.

ETI ist ein Zusammenschluss von internationalen Etikette Trainern, die gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren, mit traditionellen Formen vergleichen und gegebenenfalls neue Standards setzen. Diese Empfehlungen werden in Seminaren, Pressegesprächen und Veröffentlichungen transportiert. Alle Mitglieder haben eine qualifizierte Ausbildung im Bereich Umgangsformen, Hotellerie, Gastronomie oder Protokoll und bilden sich ständig weiter. Dieses Netzwerk von Spezialisten steht für Aktualität, Kompetenz und Qualität.

Was Begrüssungsrituale in der Politik bedeuten, zeigt dieser – auch heute noch relevante – Beitrag der NZZ aus dem Jahre 2017 auf.

Wirkung und Ausstrahlung: Auch die Sprache macht’s

von Catherine Tenger | 30. März 2022

Heisst es Homeoffice, Home-Office oder Home Office? Wann ist es angebracht, einen Euphemismus in der Sprache zu gebrauchen? Und wie schreibt man eine Professorin im Brief richtig an? Ob Grammatik, Rechtschreibung, Wortherkunft oder guter Stil: Der geniale Sprachratgeber auf Duden Online gibt dazu Tipps und Hintergrundwissen.

Es ist genauso anspruchsvoll, etwas passend und differenziert auszudrücken, wie etwa gut zu malen oder schön zu singen. Goethe hatte einen aktiven Wortschatz von ca. 91’000 Wörtern. Das muss nicht Ihr Massstab sein, aber schon die blosse Vorstellung, dass wir so viele Möglichkeiten hätten, unseren Ausdruck zu gestalten, ist grossartig. Je nachdem, wie Sie Inhalt, Sprache und Worte wählen, mit denen Sie kommunizieren, verleihen Sie Ihrem Auftritt eine andere Qualität. Je mehr Wörter wir aktiv nutzen, desto abwechslungsreicher und spannender wird unsere Kommunikation. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sie mit viel Fachsprache, blumigen Ausdrücken und Fremdwörtern um sich schlagen sollen. Das wäre kontraproduktiv, denn dieser Schuss geht in den meisten Fällen nach hinten los. Aber Sie können stilistische Mittel bewusst einsetzen. Unbewusst machen wir das sowieso. Oder würden Sie ihren Fallschirmsprung beim Vorstellungsgespräch mit den gleichen Worten beschreiben wie am Tisch mit Freunden? Dem Personalchef gegenüber schildern Sie den Sprung vielleicht als Grenzerfahrung und unter Freunden bezeichnen Sie das Erlebnis als „der absolute Hammer“. Das heisst ganz und gar nicht, dass man sich verstellt oder nicht authentisch wäre. Es bedeutet, dass man verschiedene Register zur Verfügung hat, die man der Situation entsprechend ziehen kann – ohne sich selbst zu verbiegen.

Sie können Ihren Wortschatz aktiv trainieren. Ich kenne jemanden, der sich zum Ziel gesetzt hat, jeden Tag ein neues Wort zu lernen – ob er es braucht oder nicht. Denn auch ein grosser passiver Wortschatz ist wertvoll. Das geht ganz einfach: Nehmen Sie einen Duden zur Hand und fangen Sie bei A an. Es gibt aber auch Online-Dienste, die einem die Vielfalt der deutschen Gegenwartssprache in die Mailbox senden, wenn man möchte – jeden Tag mit einem anderen Wort.

Und es gibt noch mehr Wege:

  • Spielen Sie abends hin und wieder mal Scrabble mit Freunden.
  • Lesen Sie Bücher, Blogs, Artikel, Zeitungen, Zeitschriften zu verschiedensten Themenbereichen und mit unterschiedlichen Sprachstilen.
  • Hören Sie Podcasts von Leuten, die sich gezielt ausdrücken, z.B. Alles Gesagt? von Zeit Online
  • Schreiben Sie hin und wieder mal Briefe – das ist nicht nur bereichernd für Ihren Wortschatz, sondern dazu noch für Ihre Beziehung zum Adressaten. Und auch für die Post.
  • Schreiben Sie das, was Sie in einer Präsentation sagen möchten, zuerst einmal auf und suchen Sie dann nach Synonymen und Gegenbegriffen für einzelne Wörter. Achten Sie aber darauf, dass die Sprache immer natürlich bleibt.

Hier noch ein Tipp: Verzichten Sie auf bestimmte Ausdrücke in gewissen Situationen, wenn Sie eine souveräne Wirkung erzielen möchten. Vermeiden Sie zum Beispiel „ich muss“ und „ich soll“. Das klingt, als ob man fremdbestimmt wäre. Also, wenn Ihnen jemand noch einen Auftrag auf Ihre schon übervolle To-Do-Liste laden will, sagen Sie lieber nicht: „Ich muss noch diese Aufgabe erledigen, bevor ich Deine Anfrage bearbeiten kann“, sondern besser: „Ok, ich will noch diese Aufgabe erledigen, bevor ich Deine Anfrage bearbeite.“ Oder: „Ich erledige das hier noch und dann kümmere ich mich gleich um Deinen Auftrag.“

Sprache hat Wirkung. Nicht nur, weil sie unsere persönliche Wirkungskraft beeinflusst, sondern auch, weil sie unser Denken und Handeln formen kann. Sprache reflektiert Einstellungen, Bewertungen und Sichtweisen. Und darum ist eine faire und inklusive Sprache ganz einfach eine Haltungsfrage.

Meine Kollegin Susanne Helbach-Grosser von unserem Netzwerk Etikette Trainer International hat die wichtigsten Werkzeuge für eine respektvolle, inkludierende Sprache zusammengestellt:

  • Die einfachste Möglichkeit der gendersensiblen Sprache, ist die Beid-Nennung/Paar-Form in femininer und maskuliner Form (z. B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter). Dies kann jedoch zur Überfrachtung in Text und Aussprache führen und berücksichtigt keine anderen geschlechtlichen Varianten.
  • Wollen wir alle Geschlechter ansprechen, benutzen wir Synonyme oder Umschreibungen: Die Leute im Team, Kollegium, Kundschaft, Steuerpflichtige, Direktion, Fachwissen, Teilnahmeliste, Reinigungspersonal…
  • Wir bilden Relativsätze: „Alle, die sich angemeldet haben, …“ statt: „Alle Angemeldeten haben …“
  • Wir wählen die direkte Anrede: Anstelle von: „Jeder muss die Vereinbarung unterschreiben“ „Bitte unterschreiben Sie die Vereinbarung.“ Bei einer Stellenanzeige zum Beispiel: „Kommen Sie in unser Team!“ So umgehen wir die Formulierung: „Bewerber*innen gesucht!“
  • Passivkonstruktionen verwenden: „Das Formular ist vollständig auszufüllen“ oder „Die Vorlage muss alle Punkte enthalten.“
  • Indefinitpronomen umformulieren: „Jemand, der so etwas sagt …“ in „Alle, die so etwas sagen …“  
  • Wenn Adjektive das Wort „Mann“ enthalten oder sich auf Personen beziehen, kann so gegendert werden: fachmännisch gleich fachkundig, Anfängerkurs gleich Einstiegskurs oder Kurs für Anfänger*innen.
  • An sich schon geschlechtsneutrale Wörter werden nicht gegendert, wie z. B. das Wort Mensch. Dieses Wort ist grammatikalisch gesehen zwar männlich, es bezeichnet aber sowohl Männer als auch Frauen und nichtbinäre Personen. Folgende Wörter haben auch kein feststehendes, grammatikalisches Geschlecht: die Person, das Mitglied, der Star, der Nerd, das Kind, das Individuum, der Liebling etc.

Den ganzen Artikel dazu können Sie hier lesen.

Bestimmen Sie aktiv mit, welchen Effekt Sie auf andere haben – denn einen Effekt haben Sie so oder so. Bestenfalls sind wir morgens, wenn wir die Augen öffnen, noch komplett wirkungsfrei. Aber schon mit dem ersten „hallo“ ist das vorbei.

Wie man Kontakte knüpft

von Catherine Tenger | 18. Februar 2022

Die Homeoffice-Empfehlung und die Maskenpflicht sind in der Schweiz gefallen. Viele, die in den letzten zwei Jahren in einem neuen Unternehmen angefangen haben zu arbeiten, kennen nur die zweidimensionalen Köpfe Ihrer Arbeitskolleginnen und -kollegen. Und wenn sie ihnen schon persönlich begegnet sind, dann vermutlich mit Maske. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufzubauen. Denn nie war es so einfach, auf Leute zuzugehen und sich persönlich vorzustellen. Schauen Sie am Arbeitsplatz Ihrer Kolleginnen und Kollegen vorbei, sagen Sie etwas wie:  „Ich wollte mal persönlich hallo sagen, damit du mich auf dem Gang erkennst, so mit Armen und Beinen und allem“. Oder stecken Sie den Kopf zur Tür herein und fragen: „Wollen wir zusammen in die Kaffeepause?“. Nutzen Sie die Gunst der Stunde und seien Sie proaktiv! Denn in ein paar Wochen ist diese Gelegenheit schon wieder Schnee von gestern.

Eine neue Person kennenzulernen ist wie ein Überraschungsei in der Hand zu halten: Man ist neugierig zu erfahren, was in der Kapsel steckt. Wissen Sie noch? Manchmal war der Inhalt des Ü-Eis ein Highlight, weil spannend und neu. Hin und wieder eine Herausforderung beim Zusammensetzen und gelegentlich war das Verpackte enttäuschend, weil langweilig oder man hatte schon drei davon. Ich glaube es wäre eine Illusion zu denken, dass jeder neue Kontakt ein Highlight sein wird. Aber zumindest sollte man die Neugier nicht verlieren, es herausfinden zu wollen.

Das funktioniert in erster Linie über eine gute Unterhaltung. Sind wir ehrlich: Niemand will ein „Netzwerkgespräch“ führen. Es ist aber auch selten, dass wir mit neuen Leuten gleich tief schürfen. Darum ist die gute Version von Small Talk unsere beste Chance, überhaupt einmal an die Kapsel heranzukommen.

Neue Menschen trifft man überall: am Arbeitsplatz, in der Bahn, an einer Vernissage, beim Hundespaziergang. Aber Events waren schon immer eine der beliebtesten Plattformen, wenn es darum geht, beruflich neue Kontakte zu knüpfen. Allerdings ist die Jagd auf Visitenkarten und das Abgrasen der Gästeliste im Endeffekt wenig erfolgsversprechend. Viel sinnvoller ist es, offen auf andere zuzugehen, auch ohne die Erwartung, dass sie einem nützlich sein könnten. Denn wer weiss, vielleicht ist der andere ja die Mittelspersonen zu Ihrem wertvollsten Kontakt der Zukunft. Darum empfehle ich aus voller Überzeugung: Schauen Sie nicht auf die Namensschilder der Menschen, um zu entscheiden, ob sie Ihre Zeit wert sind. Sie wissen es nie.

Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, sich auf einen Event vorzubereiten und zu entscheiden, wen man ganz sicher treffen will. Das gehört in vielen Fällen ja zu Ihrem Job. Schauen Sie sich daher, falls verfügbar, die Gästeliste vorher an. Dann haben Sie nämlich zusätzliche Möglichkeiten:

  • Sie können die Personen, die Sie kennenlernen möchten, schon mal anschreiben – per Mail oder über eines der professionellen Social-Media-Plattformen. Sagen Sie ihnen, dass Sie auch an diesem Event sein werden und sich über eine persönliche Begegnung freuen würden. Das macht es viel einfacher, auf andere zuzugehen. Der Kaltstart fällt damit weg. Und die Adressaten können sich auch auf Sie vorbereiten, wenn sie wollen.
  • Sie können die Gastgeber anschreiben oder direkt am Event ansprechen und sie um den Gefallen bitten, Sie mit der betreffenden Person bekannt zu machen. Überhaupt: Wenn Sie allein zur Veranstaltung gehen, sagen Sie doch mal den Gastgebern bei der Begrüssung, dass Sie ihnen für jede Vernetzung dankbar wären. Dann nehmen Sie sich ein Glas und halten sich eine Weile in ihrem Dunstkreis auf. Die Chancen, dass Sie mit jemandem bekannt gemacht werden, stehen besser, wenn Sie in ihrem Blickfeld sind. Meistens tun Sie ihren Gastgebern mit Ihrer Bitte auch noch einen Gefallen. Viele Gastgebende finden es nämlich gar nicht so einfach, sich von einem Gast zum nächsten zu bewegen. Sie haben ihr oder ihm also gerade eine perfekte Gelegenheit geboten, sich als richtig guten Gastgebenden auszuzeichnen.

Hier ist noch eine andere Idee, neue Kontakte zu knüpfen:

Laden Sie doch mal eine/n Bekannte/n oder Geschäftskontakt zum Lunch ein und sagen Sie der Person, sie soll jemanden mitbringen, den oder die Sie noch nicht kennen und Sie tun das Gleiche. Daraus können spannende Begegnungen entstehen. Es geht darum, Leute aus anderen Interessensgruppen und über die Berufsgrenzen hinaus kennenzulernen, um Ihr Netzwerk vielfältiger wachsen zu lassen. Machen Sie daraus aber keinen Verkaufsevent, werben Sie nicht für sich oder Ihr Unternehmen. Eventuell ergibt es sich von selbst, aber lassen Sie sich erst einmal einfach darauf ein, ein Überraschungsei in Händen zu halten.

P.S. Und falls Sie noch nie eins hatten: Ü-ei

P.P.S. So, und nach all dem habe ich nun ein unbändiges Verlangen nach meiner Lieblings-Schokolade!

Mehr zum Thema Networking und Tipps für die gute Version von Small Talk im aktuellen Ratgeber „Format

Gekonnt kontern

Schon Marc Twain stellte fest: „Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt!“ Diese Erfahrung haben bestimmt alle schon einmal gemacht. Oft sind wir erstmal nur sprachlos, wenn uns die Kollegin mitten im Meeting mit einem blöden Spruch kommt oder der Nachbar mal wieder stichelt. Dabei ist Schlagfertigkeit trainierbar. Grundvoraussetzung ist ein gutes Selbstwertgefühl, daraus resultierend ein selbstbewusstes Auftreten und eine souveräne Körperhaltung.

Fahren Sie Ihren inneren Schutzschild hoch

Dadurch bieten Sie weniger Angriffsfläche und signalisieren: „Mich haut so schnell nichts um!“ Kommt es dennoch zu einer bösartigen Bemerkung, können Sie auch sehr gut nonverbal reagieren. Niemand muss auf alles antworten und sich schon gar nicht entschuldigen oder rechtfertigen, denn damit katapultieren Sie sich sofort in die Opferrolle. Eine hochgezogene Augenbraue (unbedingt trainieren!) und ein selbstbewusster Blick vermitteln dem Gegenüber den Eindruck: „Mit mir nicht!“ Danach kehren Sie zur Sache zurück, lenken den Fokus wieder auf das Wesentliche, oder, je nach Schwere der Bemerkung, lassen Sie die Person einfach stehen und gehen.

Kurzkommentare und Zweisilbenantworten

Eine weitere Strategie sind Kurzkommentare und Zweisilbenantworten, denn innerhalb von drei Sekunden entscheidet sich, ob wir vom Gegenüber als schlagfertig oder schwach wahrgenommen werden. Diese sind leicht zu merken und sehr effektiv. Angela Merkel reagierte auf die Bemerkung des damaligen US-Botschafters Richard Grenell, Donald Trump hätte sie ja regelrecht verzaubert, lediglich mit dem Kurzkommentar: „Ach was.“ Und damit entzauberte sie sowohl die Bemerkung an sich als auch Richard Grenell. Weitere sehr gut einsetzbare Kurzkommentare sind zum Beispiel: „Echt jetzt!“, So, so!“, „Dito!“, „Sieh an!“. Diese Antworten sind besser als Stillschweigen und geben einem das Gefühl, nicht hilflos der Situation ausgeliefert gewesen zu sein.

Zitate und Gegenfragen

Auch Sprichwörter und Zitate können wunderbar schlagfertige Werkzeuge sein: Wie Robert Koch schon sagte: „Diese Frage ist so gut, dass ich sie nicht durch meine Antwort verderben möchte.“ Oder François Mitterand: „Ich könnte Ihre Frage jetzt beantworten, aber hinterher würde es uns beiden leidtun.“

Eine andere souveräne Reaktion ist es, offene Gegenfragen zu stellen: „Vielen Dank für Ihre interessante Frage, Frau XY. Was genau stört Sie denn an meinem Vorschlag?“ oder: „Können Sie Ihre Frage bitte konkretisieren?“ Dadurch hat man selbst etwas Zeit gewonnen, um sich eine gute Antwort zu überlegen.

Argumentationsaikido

Bei unangenehmen Attacken ist es kontraproduktiv, sich für den verbalen Gegenangriff auf das gleiche Niveau zu begeben, das lässt die Situation schnell eskalieren. Für eine Deeskalation empfiehlt sich das „Argumentationsaikido“: Die Energie des Angreifers wird wieder auf die Sache gelenkt. Aikido ist eine alte Kampfsportart, welche die Kunst lehrt, die Angriffsenergie zu nutzen, indem man sie umleitet und für den Gegenschlag einsetzt. Mit diesem Ansatz lässt sich auch eine rhetorische Schlagfertigkeit üben, welche die Grenzen des grundlegenden Respekts und der Empathie beachtet.

Also: Kurz in den Bauch atmen, Blickkontakt aufbauen, aufrechte Körperhaltung und erst dann beginnen zu sprechen: „Herr XY, (kurze Sprechpause) Ihre unqualifizierte Bemerkung kommentiere ich an dieser Stelle nicht und schlage vor, dass wir uns nun weiter mit dem Tagesordnungspunkt 5 beschäftigen.“ Bei Attacken unter der Gürtellinie empfiehlt es sich, ein Gespräch souverän abzubrechen: „Herr XY, auf diesem Niveau möchte ich das Gespräch mit Ihnen nicht weiterführen. Gern können wir uns morgen noch einmal zusammensetzen, wenn Sie emotional wieder abgerüstet haben.“

Bei allen Reaktionen ist es wichtig, erstmal durchzuatmen, ruhig zu bleiben, eine überzeugende Körperhaltung einzunehmen, langsam und deutlich zu sprechen und sich nicht auf das niedrige Niveau seines Gegenübers zu begeben. Schon der Schriftsteller Heinrich Böll wusste: „Höflichkeit ist die sicherste Form der Verachtung.“

Redaktion: Kristin Koschani-Bongers, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

Vielen Dank an meine Kollegin Kristin Koschani-Bongers, die für unser Netzwerk Etikette Trainer International diesen Beitrag geschrieben hat. ZEIT Online hat einen Auszug aus dem Beitrag veröffentlicht.


ETI ist ein Zusammenschluss von internationalen Etikette Trainern, die gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren, mit traditionellen Formen vergleichen und gegebenenfalls neue Standards setzen. Diese Empfehlungen werden in Seminaren, Pressegesprächen und Veröffentlichungen transportiert. Alle Mitglieder haben eine qualifizierte Ausbildung im Bereich Umgangsformen, Hotellerie, Gastronomie oder Protokoll und bilden sich ständig weiter. Dieses Netzwerk von Spezialisten steht für Aktualität, Kompetenz und Qualität.

Kill a stupid rule

von Catherine Tenger | 18. Januar 2022

Vor 50 Jahren wurde das „Fräulein“ in der damaligen BRD offiziell abgeschafft. In der DDR wurde die Anrede schon 1951 abgesetzt und in der Schweiz dauerte es bis ins Jahr 1996, bis die Bundeskanzlei einen ersten Leitfaden zur landesweit sprachlichen Gleichbehandlung herausgab.

Was heute richtigerweise als gesellschaftlich veraltet, despektierlich und politisch unkorrekt gilt, war aber nicht immer respektlos. Viele der zwischen 1890 und 1915 geborenen Frauen waren ein „Fräulein“ aus Überzeugung, denn sie hatten sich diesen Titel hart erkämpfen müssen und grenzten sich so von verheirateten Frauen ab. Sie sind mit Katastrophen, Kriegen, Wirtschaftskrisen und Grippe-Epidemien selbständig fertig geworden – und das ohne Mann und ohne von den Eltern unter die Haube gebracht worden zu sein.

Wie wir miteinander umgehen, welche Sprache wir als respektvolle Mitmenschen gebrauchen, was wir also als richtig oder falsch betrachten – das alles ist das Resultat gesellschaftlicher Prozesse und damit stetig im Wandel. Darum muss man immer wieder mal eine Standortbestimmung machen und alte Zöpfe abschneiden, ganz im Sinn von „Kill a stupid rule“.

Was im Bereich des Change- und Innovations-Management funktioniert, geht nämlich auch bei den Umgangsformen. Denn genauso, wie Firmen mit der „Kill a stupid rule“-Methode Regeln und Abläufe in ihrem Unternehmen in Frage stellen, macht es die Gesellschaft im Laufe der Zeit mit den Regeln und Abläufen der Etikette. Der einzige Unterschied besteht darin, dass in Firmen Mitarbeitende ganz bewusst darüber nachdenken, Task-Forces gebildet und Neuregelung gezielt eingeführt werden. In der Gesellschaft passieren diese Veränderungen hingegen allmählich und nicht nach einem konkreten Plan. Die Fragestellung ist aber die gleiche: Was wird noch auf eine bestimmte Art und Weise getan, nur, weil es schon immer so gemacht wurde? Von welchen überholten Normen und Regeln sollten wir uns befreien? Was sind die ungeschriebenen Regeln? Eine Neuregelung der Umgangsformen findet dann statt, wenn die Mehrheit einer Gemeinschaft diese Änderungen als angenehm, respektvoll, sinnvoll und anständig bewertet. Bis es so weit kommt, und die Mehrheit diesen Schritt macht, müssen Betroffene und Vorreiter*innen oft hart dafür kämpfen. Heute versuchen wir, durch den Dschungel einer gendergerechten Sprache zu navigieren – in einigen Jahren wird es hoffentlich selbstverständlich sein und der Norm entsprechen.

Neues entsteht, Altes geht. Und in der Übergangsphase steht so mancher ratlos da. Hier daher etwas Klärung bei ein paar überholten Regeln, die nicht mehr zeitgemäss sind und trotzdem immer wieder mal für Unsicherheit sorgen:

  • Ein Mann betritt ein Restaurant als erster

Die Zeiten, als ein Mann durch die Türe vorausging, um die Lage zu überprüfen, sind vorbei. Dafür hält er heute einer Frau die Türe auf, damit sie das Restaurant vor ihm betreten kann. Sie bleibt dann aber stehen und wartet auf ihn, damit er die Führung zum Tisch übernehmen kann. Und das gleiche gilt auch umgekehrt. Wenn Sie als Frau einen Mann einladen – sei das Ihr Kunde, Chef, Freund oder Onkel – machen Sie es genau gleich. Wer einlädt, führt. Nur wenn Sie vom Restaurantpersonal zum Tisch geführt werden, stellen Sie sich als Gastgeber und als Gastgeberin hinten an.

  • Eine Frau muss das „Du“ anbieten

Diese Auffassung hält sich bei einigen Männern hartnäckig, ist aber veraltet. Das Duzen durchlief seit den Anfängen der deutschen Sprache verschiedene Stadien. Zwischen Erzen, Ihrzen und Siezen war das Duzen nur bei der ländlichen Bevölkerung und den niederen Ständen üblich oder es war reine Männersache. Frauen, die von Männern der ständischen Gesellschaft geduzt wurden, gingen oft einer nicht ehrenwerten Beschäftigung nach – Sie wissen schon. Für eine Dame gehörte es sich nicht, geduzt zu werden. Und als es dann im Laufe der Zeit langsam doch schicklich wurde, sahen die Herren einen grossen Fettnapf vor sich, in den sie auf keinen Fall treten wollten und überliessen diesen gesellschaftlichen Schachzug der Frau.

Heute ist es einfach und eindeutig:

-Im Business schlägt der Ranghöhere das Du vor (also auch der Kunde oder der jüngere Chef).

-Im Privatleben ist der Altersunterschied entscheidend. Der Sechzigjährige bietet dem Dreissigjährigen das Du an.

Ob Mann oder Frau spielt dabei keine Rolle.

  • Der Mann öffnet der Frau die Autotür, rückt ihr beim Platznehmen den Stuhl, steht auf, wenn sie den Tisch verlässt und zurückkommt, bestellt, zahlt die Rechnung

Liebe Männer, das sind nach wie vor schöne, höfliche Gesten und natürlich dürfen Sie das auch noch – aber überlegen Sie, wo und mit wem Sie unterwegs sind. Weil sie es heute selten erleben, wissen viele Frauen gar nicht, wie sie solche Gesten souverän annehmen sollen. Es ist wie beim Tanzen: Wenn beide die Grundschritte kennen, kann der gut führende Mann alle möglichen Figuren machen und die Frau schwebt elegant mit ihm übers Parkett. Wenn aber nur einer von beiden weiss, was er tut, stolpert man von einem Tanzschritt zum nächsten. Im besten Fall führt das zu gemeinsam fröhlichem Gelächter und im Worst Case endet es in einem peinlichen Desaster.

Wieso stehen diese (den Umständen entsprechend) freundlichen Gesten eines Gentlemans in der Kategorie „Kill a stupid rule“? Weil sie in einem geschäftlichen Kontext unpassend sind. Frauen verhalten sich im Business wie ihre männlichen Kollegen und es wird hier kein Unterschied gemacht. Die Grundschritte für alle sind dabei Respekt und Wertschätzung. Wer aber die Führung übernimmt, hängt von Rang und Rolle ab, nicht vom Geschlecht.

  • „Gesundheit!“ wünschen, wenn jemand niest

Als die erste Pest das christliche Römische Reich schwächte, war Papst Gregor der Grosse der Ansicht, dass Niesen ein frühes Warnzeichen für die Seuche war und so befahl er den Christen, auf ein Niesen mit einem Segenswunsch zu antworten.

Dass wir im 21. Jahrhundert noch während einer Sitzung das Gespräch oder sogar die Präsentation unterbrechen, um einer niesenden Person „Gesundheit“ zu wünschen, ist ein erstaunliches Relikt ungebrochener Überlieferung.

Warum fühlen wir uns nach wie vor gezwungen, jedem, der niest, unseren Segen zu geben, selbst wenn der Niesende ein Fremder ist oder das Niesen irgendwo aus der hintersten Ecke des Büros kommt? Und warum wünschen wir dann nicht auch einer hustenden oder sich die Nase putzenden Person Gesundheit?

Trainer für Umgangsformen überall – ich inklusive – versuchen unermüdlich, ihren Seminarteilnehmenden diese reflexartige Reaktion auszutreiben. Vor allem im Frühling, wenn Pollen durch die Luft fliegen und Taschentuchhersteller Hochkonjunktur haben. Wenn man sich da die Segenswünsche sparen könnte, wäre vielleicht manche Sitzung kürzer.

Aber da haben Sie es: Einzelne Rebellen ändern keine Regeln und auch Stilexperten nicht. Die Mehrheit der Gesellschaft bleibt hartnäckig dabei: Ein Niesen zu ignorieren ist schwierig. Manche Menschen sagen „Gesundheit!“ zu jedem, den es in der Nase kitzelt. Sogar zu ihrem Hund – ich inklusive.

Lesen Sie mehr zum Thema:

Süddeutsche Zeitung: Vor 50 Jahren wurde das „Fräulein“ offiziell abgeschafft. Lange galt die Anrede als piefig, jetzt wandelt sich der Begriff zur Marke.

Basler Zeitung: Fräulein, nicht Frau!

Mehr zu Themen der Gesellschaft und des souveränen Auftritts im aktuellen Ratgeber „Format

Ist Lästern im Betrieb schädlich oder sogar hilfreich?

„Es ist nur ein dummes Gerücht, aber …“

Kaffeeküche, Kantine, Kopierraum und Rauchbereich sind im Unternehmen Basare für Klatsch und Tratsch, für Gerede und Gerüchte. Lästern hat ein schlechtes Image. Sogleich denken wir an infame Mitmenschen, die bösartig hinter dem Rücken anderer über sie herziehen. Wissenschaftler:innen sagen nun, dass Lästern zu Unrecht diesen miesen Ruf hätte. Vielmehr halte es die Gesellschaft zusammen. Tratsch sei gar das Fundament unseres Daseins, so Evolutionspsychologe Robin Dunbar.
 
Auch bei indigenen Völkern, die sehr traditionell leben, stießen Anthropologen auf reichlich Tratsch-Geschichten. Wahrscheinlich pflegen Menschen schon seit der Steinzeit diesen Austausch.
 
Wir alle tratschen
Ob wir abends den Arbeitstag Revue passieren lassen, anderen voller Stolz von unseren Kindern erzählen oder einen sportlichen Zwischenfall kommentieren, wir bewerten – lästern also. Psychologin Myriam Bechtoldt, Professorin an der European Business School (EBS), und andere Forschende sind sich sicher: „Es ist an der Zeit, sich mit dem Phänomen des Lästerns und dem Image einer Plaudertasche auszusöhnen.“ 
 
So gern wir uns über andere unterhalten, so unsicher sind wir uns über den eigenen Ruf. Aber auf den sollten wir achten. Wer selbst nicht die nobelste Person ist, kann damit rechnen, dass sich das Fehlverhalten durch Lästern rasch verbreitet – und damit das eigene Ansehen lädiert wird. Und ein schlechtes Image möchte niemand haben. Jede Person fühlt sich also bei ihrem eigenen unsozialen Benehmen beobachtet und wird das Möglichste tun, um ihren eventuell schlechten Ruf zu reparieren.
 
„Es ist extrem wichtig für uns, Informationen über andere zu erhalten, damit wir wissen, wie wir uns der Person gegenüber verhalten sollen. Wir wollen es unbedingt richtig machen“, erklärt Bechtoldt. Dass Menschen miteinander klatschen, macht uns zu verträglicheren Zeitgenossen. Fachleute sind sich darüber einig, dass die meisten Menschen mit ihrem Getratsche anderen nicht schaden wollen.
 
Beweggründe für Gerede sind vielfältig

  • Zwei Drittel unserer Unterhaltungen drehen sich um private Beziehungen, persönliche Vorlieben und Abneigungen sowie das Verhalten anderer.
  • Ein topaktueller Flurfunk lässt Prozesse reibungsloser funktionieren.
  • Wir tratschten, um Informationen über andere zu sammeln oder auch das eigene Weltbild mit weiteren Personen abzugleichen. Gespräche ermöglichen, sich in der Gesellschaft zu verorten.
  • Lästern verbindet. Wenn wir uns über XYZ unterhalten, dann stellt das auch eine Beziehung zwischen uns und den Zuhörenden her.
  • Zudem warnen und schützen wir oft mögliche Leidtragende, indem wir von eigenen unschönen Erfahrungen mit XYZ berichten.
  • Über Vorgesetzte wird überdurchschnittlich viel getuschelt. Das Team will wissen, wie Personen, die Macht ausüben, ticken.
  • Zweifellos gibt es auch Menschen, die mit Vorliebe abwertend über andere reden, um deren Ruf zu schädigen. 

 
Das einzig probate Gegenmittel sei nicht ein Lästerverbot, sondern eine transparente Feedback-Kultur, so Bechtoldt. Die idealen Voraussetzungen für versteckte Intrigen sind immer dort zu finden, wo es keine brauchbare Kritik-Kultur gibt.
 
Das Fazit nach Evolutionspsychologe Dunbar: Lästern ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft und sehr wichtig für den Zusammenhalt. Doch damit dieser Kleister keine unschönen Stellen hinterlässt, muss er mit Sorgfalt und in Maßen eingesetzt werden.

Redaktion: Susanne Helbach-Grosser, TAKT & STIL, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

Vielen Dank an meine Kollegin Susanne Helbach-Grosser, die für unser Netzwerk Etikette Trainer International diesen Beitrag geschrieben hat.


ETI ist ein Zusammenschluss von internationalen Etikette Trainern, die gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren, mit traditionellen Formen vergleichen und gegebenenfalls neue Standards setzen. Diese Empfehlungen werden in Seminaren, Pressegesprächen und Veröffentlichungen transportiert. Alle Mitglieder haben eine qualifizierte Ausbildung im Bereich Umgangsformen, Hotellerie, Gastronomie oder Protokoll und bilden sich ständig weiter. Dieses Netzwerk von Spezialisten steht für Aktualität, Kompetenz und Qualität.

Wie ging das doch noch?

von Catherine Tenger | 31. Oktober 2021

Persönliche Begegnungen sind Schmierstoff für unsere Beziehungen – egal ob mit Kunden, Arbeitskollegen oder Freunden. Man ist aber etwas eingerostet, wie ich feststelle. Wir haben nämlich gemerkt, wie effizient es sein kann, Meetings virtuell abzuhalten. Wir finden es sehr nützlich, die Kamera in einer grösseren Runde ausschalten zu können. Und viele haben mit der Pandemie entdeckt, dass es sehr gemütlich sein kann, sich einzuigeln und gar niemandem über den Weg zu laufen.

Die direkte Begegnung mit anderen Menschen ist aber eine echte Chance, einen Unterschied zu machen, Beziehungen wachsen zu lassen oder zu erhalten, in Erinnerung zu bleiben, etwas zu bewegen und andere für sich zu gewinnen.

Also wie ging das nochmal mit dem guten Umgang und der sozialen Intelligenz?

Freundlichkeit

Für Freundlichkeit gibt es keine Konventionen oder Regeln. Freundlichkeit ist Einstellungssache. Man ist anderen gegenüber wohlgesinnt und gewillt, das Gute in ihnen zu sehen. Freundliche Menschen sind aufmerksam, hilfsbereit, zugewandt, ehrlich interessiert und einnehmend. Sie denken darüber nach, wie sich andere in ihrer Gegenwart oder in einer Situation fühlen könnten und beziehen das in ihr eigenes Verhalten mit ein. Bei freundlichen Menschen weiss man, woran man ist.

Manchmal kommen Opportunismus und Berechnung als Freundlichkeit verkleidet daher. Mit echter Freundlichkeit hat das nichts zu tun. Mit Format ebenso wenig.

Herzlichkeit

Herzlichkeit ist eine wundervolle Eigenschaft. Sie entspringt einer emotionalen Quelle und äussert sich in einem besonderen, liebenswürdigen Engagement, wie auch einer Verbundenheit, authentischer Wärme und Uneigennützigkeit. Herzliche Menschen machen anderen Menschen gerne eine Freude – und beziehen daraus ebenso viel Freude. Sie sind daran interessiert, mehr über ihren Gesprächspartner zu erfahren als das, was die Höflichkeit erlaubt und der Freundlichkeit vielleicht gelingt.

Höflichkeit

Weil wir so selbstbestimmt leben, wird Höflichkeit oft als Täuschung, als ein Sich-Verbiegen und als unnötige Heuchelei empfunden. Ich sass einmal bei einem Fest an einem grossen Tisch mit Unbekannten, wo man sich erzählte, was man denn so beruflich mache. Ich sagte, ich sei Trainerin für Umgangsformen, worauf mein Tischnachbar meinte: „Wer braucht denn so was?!“ Nach diesem Ereignis habe ich mich für einen Schlagfertigkeitskurs angemeldet.

Die Definition von Höflichkeit variiert je nach Zeitgeist und Kultur. Im Kern bleibt sie aber gleich – immer und überall geht es dabei um soziales Einfühlungsvermögen. Dass wir Regeln oder Standards dazu haben und einhalten, hat für die meisten Menschen drei Gründe: Man möchte andere nicht vor den Kopf stossen. Man möchte von einer bestimmten Gruppe in einem bestimmten Umfeld angenommen werden. Und man will sich, wenn möglich, nicht zum Affen machen.

Im Grunde sollte man durch höfliches Verhalten weder abfallen noch auffallen. Darum ist das Bedürfnis nach Richtlinien auch in einer individualisierten und selbstbestimmten Gesellschaft gross. Es macht alles weniger anstrengend und hilft uns dabei, zu wissen, ob man dem Kunden das Du anbieten kann, wer den Wein bestellt oder was man um Himmels Willen zur Strand-Hochzeit des Freundes anziehen soll.

Die Mischung

Gehört ein Gesamtpaket aus Höflichkeit, Freundlichkeit und Herzlichkeit immer zu einem gelungenen Miteinander? Nicht unbedingt. Obwohl Herzlichkeit ganz sicher nicht falsch ist, kann sie in manchen Situationen auch zu viel des Guten sein und der Aufgabe, die man gerade zu erfüllen hat, im Weg stehen. Auch Freundlichkeit kann man ungewollt übertreiben und dann macht man zum Beispiel einer Person, die man gerade erst kennengelernt hat, ein unangebrachtes Kompliment oder man schafft es vor lauter Liebenswürdigkeit nicht, sich abzugrenzen. Konventionen und Regeln können dafür manchmal steif wirken und es wäre gelegentlich besser, nur aus dem Herzen heraus zu handeln. Und hin und wieder ist es auch völlig ok, einfach nur respektvoll höflich zu sein – auch ohne sich mit der ganz grossen Liebenswürdigkeit ins Zeug zu legen.

Ein Gespür dafür zu haben, wie viel von jedem dieser Elemente es in einer gegebenen Situation mit den unterschiedlichsten Menschen verträgt, ist, was in unseren Begegnungen den feinen Unterschied machen kann.

P.S. Wenn Ihnen das gefällt, gefällt Ihnen bestimmt auch der praktische Ratgeber für Menschen mit FORMAT.

Lachen Sie genug? – Ein Plädoyer für mehr Humor in Business Präsentationen.

von Catherine Tenger | 21. September 2021

Wie wichtig ist es für Sie, gut vor anderen Menschen präsentieren oder sprechen zu können? Meiner Meinung nach gibt es fast keinen Arbeits- oder Lebensbereich, bei dem es nicht von Vorteil wäre, ein Thema überzeugend, irgendwie auch unterhaltsam und aus dem Herzen heraus vorzutragen. Sei es bei einer Teamsitzung, in der Sie Ihre Arbeitsergebnisse präsentieren, vor einem Kunden, dem Sie Ihre neue Produktelinie vorstellen oder als Rednerin an der Hochzeit Ihrer besten Freundin. Selbst vermeintlich trockene Zahlen oder komplexe Themen können packend sein, wenn sie auch so präsentiert werden. Den Beweis dafür lieferte der verstorbene schwedische Professor für Weltgesundheit, Hans Rosling, immer wieder. Falls Sie ihn noch nie über globale Gesundheits- und Armutsstatistiken haben reden hören, gönnen Sie sich seine TED Talks – sie sind ein wahres Erlebnis. Oder wie TED es beschreibt: „In den Händen von Rosling fangen Daten an zu singen.“

Dass Heiterkeit, Witz und eine gute Geschichte wichtiger Bestandteil eines gelungenen Vortrags sind, haben wir vermutlich alle schon selbst miterlebt – als Zuhörer oder Redner. Humor hat nicht nur eine positive Wirkung auf den Beziehungsaufbau zwischen dem Vortragenden und seinem Publikum – ein kollektives Lachen oder Schmunzeln fördert auch die Beziehung der Zuhörer untereinander.

Denken Sie an ein Fest, an dem Sie gemeinsam mit anderen Gästen über etwas gelacht haben oder an einen Kurs, der mit einem Einstieg begann, der Sie und die restlichen Teilnehmenden zum Schmunzeln brachte. Waren Sie den anderen da nicht gleich ein bisschen näher? Beobachten und vergleichen Sie schon nur mal die Vorstellungsrunden bei Meetings oder Seminaren. Wie fallen sie aus, wenn es gleich seriös zur Sache geht und was passiert, wenn die Gruppe vorher Gelegenheit zu gemeinsamer Heiterkeit hatte? Die Vorstellungsrunden im zweiten Fall sind immer lockerer, persönlicher und interessanter. Denn positiver Humor stärkt das gegenseitige Vertrauen und Verständnis, er wirkt entkrampfend und fördert das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit.

Kontextbezogene humorvolle Beispiele tragen auch zum Verstehen und Abspeichern von vorgetragenen Inhalten bei. (Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, finden Sie ein Kapitel dazu in meinem Ratgeber FORMAT.) Wenn Sie Ihre Zuhörer gut unterhalten können, verdienen Sie sich ihren Goodwill und damit umso mehr Raum, die seriösen Themen anzubringen.

Aber das ist noch nicht alles. Die Fähigkeit zur Erheiterung ist vor allem gesund, stärkt die Resilienz und lässt uns gelassener durchs Leben gehen. Humor ist nicht den Naturtalenten vorbehalten, er ist eine Fähigkeit, die man lernen und stärken kann, zum Beispiel bei einem Humortraining. Probieren Sie es aus!

Ich wünsche Ihnen viel Spass dabei und bis zum nächsten Mal!

P.S. Wenn Ihnen das gefällt, gefällt Ihnen bestimmt auch der praktische Ratgeber für Menschen mit FORMAT.