Was Ikebana uns über gute Präsentationen lehrt

von Catherine Tenger | 30. März 2026

Ich stand gestern in einem Blumengeschäft vor einem Ikebana-Arrangement. Was mir daran besonders gefiel: Die Wirkung entstand nicht durch Üppigkeit, sondern durch Reduktion. Wenige Zweige, eine Blüte, eine klare Linie – und viel Raum dazwischen.

Ich musste dabei sofort an viele Präsentationen denken.

Denn dort begegnet mir oft das Gegenstück zu einem Ikebana-Arrangement: Folien, auf denen möglichst alles gleichzeitig Platz finden soll. Texte, Grafiken, Zahlen, Pfeile, Botschaften, Erklärungen. Vieles davon sorgfältig vorbereitet und fachlich relevant. Und doch geht oft gerade das verloren, worauf es ankäme: Klarheit.

Eine gute Präsentation überzeugt nicht durch Fülle, sondern durch Auswahl.

Wer vor Publikum spricht, möchte fundiert und überzeugend sein – da ist die Versuchung gross, möglichst viel auf eine Folie zu packen. Doch eine richtig volle Folie schafft selten mehr Orientierung. Im Gegenteil: Sie verlangt dem Publikum zu viel auf einmal ab. Es soll lesen, zuhören, einordnen und gleichzeitig dem roten Faden folgen.

Wenn parallellaufende Informationskanäle denselben Inhalt liefern – also wenn ich fast wortgleich sage, was gleichzeitig auf der Folie steht –, entsteht keine Verdoppelung der Wirkung. Im Gegenteil: Einer der beiden Kanäle wird für das Publikum überflüssig. Und das sollte im Idealfall nicht die Person vorne im Raum sein.

Vielleicht könnten Präsentationen sich hier etwas von Ikebana abschauen: Nicht alles, was vorhanden ist, muss gleichzeitig sichtbar sein. Entscheidend ist, was bewusst gesetzt wird.

Was das für gute Folien heisst

Eine Folie ist keine Ablagefläche für alles, was man vorbereitet hat. Sie ist eine Bühne für das, was im jeweiligen Moment tragen soll.

Darum lohnt es sich, sparsam zu sein. Weniger Text. Weniger Punkte. Mehr Gliederung. Mehr Raum. Oft ist es wirksamer, eine zusätzliche Folie zu machen, als eine bestehende noch voller zu packen. Als Orientierungshilfe kann man sich merken: lieber wenige Punkte (maximal 6) und pro Folie eine Hauptbotschaft.

Das entlastet nicht nur das Publikum. Es stärkt auch die Präsentierenden. Denn je klarer die Folien komponiert sind, desto weniger geraten sie in Konkurrenz zur vortragenden Person.

Folie und Vortrag sollten sich ergänzen, nicht verdoppeln

Eine Präsentation wird dann stark, wenn Bild und Sprache zusammenwirken, ohne sich gegenseitig zu kopieren. Die Folie unterstützt. Sie illustriert, fokussiert, strukturiert. Aber sie ersetzt nicht den Vortrag.

Es ist sehr riskant, sich zu stark an die Folien zu klammern. Wer sie vor allem als Gedankenstütze benutzt, spricht leicht mehr zur Leinwand oder zum Monitor als zum Publikum. Das kostet Verbindung.

Hilfreicher ist es, die innere Struktur des Vortrags wirklich zu kennen. Ich selbst finde dafür Techniken wie den Gedächtnispalast wirklich nützlich. Wer sich die Dramaturgie einer Präsentation innerlich gut verankert, gewinnt Freiheit: im Blickkontakt, in der Sprache, in der Präsenz.

Was ausser den Folien noch Wirkung schafft

Präsentationen leben nicht nur von ihrem Inhalt, sondern auch von Resonanz. Ein paar einfache Dinge helfen enorm:

  • Wer vor Beginn bereits mit einzelnen Zuhörern in Kontakt kommt, spricht später meist entspannter. Aus der Präsentation wird eher ein Gespräch als ein Auftritt vor einer anonymen Masse.
  • Wenn es einen Vorredner oder eine Vorrednerin gibt, lohnt es sich, aufmerksam zuzuhören. Wer später einen Gedanken aufgreifen oder an einen gemeinsamen Moment im Raum anknüpfen kann, wirkt präsenter und verbundener.
  • Auch der Blickkontakt verändert viel. Nicht hektisch in den Raum scannen, sondern zunächst mit wenigen Menschen wirklich in Kontakt treten. So entsteht Schritt für Schritt mehr Ruhe und mehr Resonanz.
  • Und schliesslich lohnt es sich, das Ende bewusst zu gestalten. Eine Präsentation, die mit einer offenen Fragerunde ausläuft, verliert leicht an Spannung. Stärker ist es, Fragen vor dem Abschluss zu öffnen und danach noch einmal mit einem klaren letzten Gedanken zu enden.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst

Ikebana zeigt: Wirkung entsteht nicht allein durch das, was da ist, sondern durch die Art, wie es gesetzt ist. Durch Auswahl. Durch Linie. Durch Raum.

Für Präsentationen gilt dasselbe. Nicht die volle Folie bleibt in Erinnerung, sondern der klare Gedanke. Nicht die Dichte überzeugt, sondern die Stimmigkeit.

Dass Wirkung oft nicht im Mehr liegt, sondern in der bewussten Entscheidung für das Wesentliche. Wie beim Ikebana, so bei einer Präsentation.


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