Zwei Gipfeli, bitte – und 15 Prozent Trinkgeld?

Warum automatische Trinkgeldabfragen viele Gäste unter Druck setzen

«5, 10 oder 15 Prozent Trinkgeld?» Diese Frage erscheint inzwischen auch in der Schweiz immer häufiger auf dem Display, noch bevor die Kartenzahlung abgeschlossen ist. Nicht nur im bedienten Restaurant, sondern auch im Café, am Take-away-Schalter, an der Bar oder beim Coiffeur werden Kundinnen und Kunden aufgefordert, einen zusätzlichen Betrag auszuwählen.

Dabei gilt hierzulande seit Jahrzehnten ein klarer Grundsatz: Der Service ist im Preis inbegriffen. Seit 1974 ist das Trinkgeld im Schweizer Gastgewerbe keine geschuldete Vergütung mehr, sondern eine freiwillige Anerkennung – häufig auch als «Overtip» bezeichnet. Ob ein Gast etwas geben möchte, wie viel und an wen, bleibt grundsätzlich seine persönliche Entscheidung.

Digitale Zahlterminals können diese Freiwilligkeit jedoch infrage stellen. Wer nach einem Kaffee und einem Gipfeli zuerst zwischen mehreren Prozentbeträgen wählen muss, erlebt die Situation möglicherweise nicht als freundliche Einladung, sondern als versteckte Erwartung. Besonders unangenehm kann es sein, wenn die bedienende Person das Gerät in der Hand hält und die Auswahl unmittelbar mitverfolgt.

Das Problem ist dabei häufig weniger der konkrete Frankenbetrag als die psychologische Wirkung. Früher wurde diskret aufgerundet oder beim Verlassen des Lokals etwas auf dem Tisch liegen gelassen. Heute muss die Entscheidung sichtbar auf einem Bildschirm getroffen werden. Die Schaltfläche «Kein Trinkgeld» fühlt sich dadurch mitunter wie eine aktive Ablehnung an – obwohl sie lediglich eine vollkommen legitime Wahl darstellt.

Aufrunden statt Prozentrechnen

Die Schweizer Trinkgeldkultur unterscheidet sich von Ländern, in denen das Bedienungspersonal wirtschaftlich stark auf Trinkgelder angewiesen ist. Bei gutem Service wird zwar auch in Schweizer Restaurants häufig etwas zusätzlich gegeben. Üblich ist jedoch oft, den Rechnungsbetrag passend aufzurunden. Bei einer Rechnung von 27.10 Franken können beispielsweise 30 Franken genannt werden. Bei einer höheren Rechnung gelten ungefähr fünf bis zehn Prozent als grosszügige Orientierung – nicht als Pflicht.

Entscheidend ist zudem die Art der Leistung. Wer während eines längeren Restaurantbesuchs aufmerksam beraten und betreut wurde, beurteilt ein Trinkgeld meist anders als beim Kauf eines bereits bereitliegenden Sandwiches. Auch im Café, an einer Selbstbedienungstheke oder an einem Marktstand ist ein zusätzlicher Betrag eine nette Geste, aber keine Selbstverständlichkeit.

Hier sorgen pauschale Vorschläge von 5, 10, 15 oder manchmal sogar 20 Prozent für Irritation. Sie übertragen ein Modell auf Situationen, in denen in der Schweiz traditionell höchstens auf den nächsten Franken aufgerundet wurde.

Wertschätzung braucht Entscheidungsfreiheit

Für Mitarbeitende bleibt Trinkgeld ein erfreuliches Zeichen der Anerkennung. Gute Beratung, besondere Aufmerksamkeit, Freundlichkeit oder eine zusätzliche Dienstleistung dürfen honoriert werden. Gleichzeitig sollten Beschäftigte nicht davon ausgehen müssen, dass jeder Gast automatisch einen bestimmten Prozentsatz dazurechnet.

Auch Unternehmen tragen Verantwortung. Digitale Trinkgeldfunktionen können praktisch sein, insbesondere weil immer mehr Menschen mit Karte oder Smartphone bezahlen. Ihre Gestaltung sollte jedoch zur hiesigen Trinkgeldkultur passen.

Eine faire Lösung bedeutet:

Die Option «Kein Trinkgeld» ist ebenso gut sichtbar wie alle anderen Auswahlmöglichkeiten. Moderate Beträge oder ein frei wählbarer Frankenbetrag werden nicht hinter mehreren Bedienschritten versteckt. Das Personal gibt den Gästen genügend Raum, ihre Entscheidung unbeobachtet zu treffen. Und bei Selbstbedienung oder kleinen Thekenkäufen werden nicht automatisch dieselben Prozentsätze vorgeschlagen wie bei einem mehrgängigen Abendessen.

Trinkgeld ist in der Schweiz weder Pflicht noch bedeutungslos. Es ist eine freiwillige Geste, mit der Gäste ausdrücken können: «Ich habe mich gut betreut gefühlt.» Gerade deshalb verliert es an Wert, wenn ein technisches System daraus eine vermeintliche Verpflichtung macht.

Trinkgeld ist nur ein kleiner Teil zeitgemässer Tischkultur. Auch beim Bestellen, Einladen und im Umgang mit Gästen stellen sich immer wieder Fragen nach angemessenem und souveränem Verhalten. Mehr dazu erfahren Sie in meinen Seminaren zur Tischkultur.


Zum Weiterlesen: Wer sich vertieft mit dem Trinkgeldverhalten in der Schweiz, den Erwartungen der Gäste und der Wirkung digitaler Trinkgeldabfragen beschäftigen möchte, findet weitere Erkenntnisse in dieser ZHAW-Studie zum Trinkgeldverhalten in der Schweiz.

Dieser Blogbeitrag entstand in Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen Maria Th. Radinger, Guter Stil und Etikette in Tourismus, Hotellerie & Wirtschaft und Imme Vogelsang, iv-imagetraining unseres Netzwerks Etikette Trainer International